EINGELADEN IM FLÜCHTLINGSHAUS

 

Finn und ich waren heute bei Familie Matschigova im Flüchtlingshaus eingeladen. Malika, die Mama der Familie hatte eingekauft, den Tisch gedeckt und gekocht. Es gab frische Fladenbrote die mit selbst gemachtem Quargel gefüllt waren, dazu russisches Vinegret- eine Art Salat mit Eiern, Gurken, Mais, Zucchini, usw... und Semmeln, dazu Cola und Fanta und wir mischten beides um dann mit dem Gemisch auf ein gutes Leben in Österreich anzustoßen. Zur Nachspeise bekam jeder Schokoladekugeln, und ich hatte eine Packung „After Eight“ mitgenommen, die sie noch nicht kannten. Ich habe den Kindern Seifenblasen geschenkt und während wir am Tisch saßen und die Kinder spielten, erzählte mir Malika, dass die Kinder draußen vor dem Zimmer nicht spielen dürfen. Deshalb seien sie eigentlich den ganzen Tag im Zimmer. Ich habe deshalb nach dem Besuch eine Weile mit Malika verhandelt, und sie darum gebeten, dass ich ihre Kinder für einige Stunden entführen möchte. Schließlich hat sie es lachend erlaubt und gemeint: „Ich war noch niemals ohne meine Kinder!“ Ich hab ihr versprochen, dass die Kinder Spaß haben werden und pünktlich wieder zu Hause sein werden und hab die Rasselbande kurzerhand mit nach Hause genommen, wo sie bei uns im Garten dann schaukeln, rutschen, Tennis spielen, Katzen streicheln, und rumtoben durften. Der Älteste fragte mich dann, ob er etwas im Garten aufräumen solle. Ich fragte ihn, was er denn aufräumen will? Und er sagte: „Egal, ich möchte etwas arbeiten, ich will nämlich Bauarbeiter werden!“ Also hab ich ihm gesagt, wenn er mag darf er mit einem Hammer die alte Bank um den Baum kaputt schlagen und die Holzteile dann in die Holzhütte bringen, oder eine Holzumrandung für ein Beet machen. Die Kinder haben dann alle fleißig zusammengeholfen und voller Begeisterung alles was Holz war in die Hütte getragen, mit Schaufeln Schutt in die Tonne geschaufelt, eine Beetumrandung gebastelt und ich hab mich dann schon ein bisschen geschämt, weil es für Nachbrn sicher so aussah als würde ich Kinder für mich arbeiten lassen. *lach*
Danach wurde noch mit Pfeil und Bogen geschossen, Saft getrunken und kurz bevor sie wieder nach Hause mussten, hat jeder noch einige Euros Belohnung bekommen, fürs fleißige helfen.

 

Die Kinder sind jetzt alle glücklich und müde wieder nach Hause gegangen. Und ich freue mich, dass es ein wunderbarer Nachmittag mit lauter lieben Menschen war. :-)

 

22.2.2017

 

Heute Mittag kam Ibrahim zu uns. Ein Schulfreund von Finn, er lebt als Flüchtlingskind mit seinen 4 Geschwistern und seinen Eltern im Gasthaus Tazreiter. Ibrahim ist öfter mal mit seinem Bruder Haliid bei uns zu Besuch. Und er fragte mich heute, ob es in Ordnung wäre, wenn seine Mama Nachmittags zu uns kommen würde, sie will mich kennen lernen. Ich hab mich natürlich riesig gefreut, und hab schnell alles aufgeräumt, mit Finn die Hausaufgaben gemacht und dann auf die Familie gewartet.
Als es an der Tür läutete, stand die Mama draussen. Ihr Name ist Malika und sie hatte Torte gebacken für mich. Malika ist 29 Jahre alt. Sie kommt aus Grosny in Tschetschenien, wurde mit 13 von ihrem Vater an einen Mann zwangsverheiratet, der allerdings "kein guter Mann" war und den sie nach zwei Monaten wieder verließ. Mit siebzehn bekam sie ihr erstes Kind, heute ist der älteste Sohn 12, die kleinste Tochter 1 Jahr alt.
Malika erzählte mir von psychischen Problemen, die Kinder sagten, sie würde immer in Ohnmacht fallen. Sie war ein Jahr lang in der Psychiatrie. Sie erzählte mir, dass sie so traurig sei, weil sie immer umziehen müssen. Sie flüchtete vor dem ersten Mann, sie flüchtete vor dem Krieg, sie mussten von Frankreich (wohin die Schwiegermutter entführt wurde) nach Deutschland, von dort nach Österreich, innerhalb Österreichs mehrmals umziehen. Neun Schulen hat Ibrahim schon hinter sich, immer wieder Freunde gefunden, Freunde verloren, dazu die Sorge um die Mutter, die zwei Suizidversuche hinter sich hat. Die Kinder erzählen, dass ihr Vater immer gut zu ihnen ist, dass er sie niemals schlägt, dass er ihnen Geschenke kauft, wenn er etwas Geld bekommt.
Die Kinder sind allesamt schüchtern, lehnen meine Fragen, ob sie etwas trinken oder essen möchten immer ab, auch die Mutter möchte nichts. Wir spielen Memory, die Kinder lachen, die Mutter nimmt ihr Kopftuch ab, sie ist Muslima, fühlt sich aber sichtlich wohl mit mir und den Kindern. Ich sage, dass es einen Preis gibt, für den Gewinner, und schenke Haliid nach dem Spiel mein Buch, das ich für ihn signiere und er beginnt gleich darin zu lesen und fragt, was Haiku ist. Ich erkläre es ihm, die Mutter veruscht zu verstehen. Es ist fast so, als wäre alles okay. Wir spielen, ich koste die Torte, wir lachen, schauen den Kindern zu. Malika zeigt mir Fotos von ihrer Familie auf dem Handy. Sie sagt mir, dass sie einmal einen Laptop gehabt hätte, da wären auch von der Familie in Tschetschenien Fotos drauf, aber die österreichische Polizei hat ihnen alles abgenommen. Ich frage, ob sie Kontakt zu ihrer Familie hat? Sie schüttelt den Kopf und weint. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich frage sie, ob ich irgendwie helfen kann. Sie schüttelt wieder den Kopf. Ich zeige ihr Fotos von meiner Familie, dann gebe ich ihr noch meine Adresse, denn sie müssen nun wieder umziehen. Nach Linz wollen sie. Ich biete ihr an, dass sie die Kinder in den Sommerferien mal zu mir bringen kann, oder wir sie holen, dann können Ibrahim und Haliid zu uns kommen. Sie weint und freut sich und steckt die Adresse ein. Dann muss sie zum Deutschkurs. Denn sie hat diese Woche eine "Duldung" bekommen und meint, wenn sie besser deutsch sprechen könne, könnte sie hier bleiben. Ich wünsche es ihr von ganzem Herzen. Haliid malt mir derweil was in mein Gästebuch. Mögen sie ihren Platz in der Welt finden und in Frieden zusammen da leben können.

 

 

 

 

 

 

16. November 2016

 

Seit einigen Tagen kommen sie uns besuchen. Ibrahim und Halid. Zwei Brüder, 9 und 12 Jahre alt, aus Tschetschenien. Sie erzählen mir, wie oft sie schon umgezogen sind. Von Tschetschenien nach Frankreich, von Frankreich nach Deutschland, von dort nach Österreich. Sie wissen nicht mehr, in wievielen Schulen sie schon gewesen sind. Wieviele Freunde sie schon verlassen mussten. Beide wirken schüchtern, aber sie erzählen selbstbewusst vom tschetschenischen Präsidenten, vor dem sie Angst haben. Sie zeigen mir Bilder von ihm am Computer und wissen, dass er der Grund ist, warum sie nicht zurück in ihre Heimat wollen. Männer haben die Oma entführt und in Frankreich wieder ausgesetzt, die Mama fällt oft vor Angst in Ohnmacht, das wäre auch vor der Polizei schon passiert. Sie wissen, dass auch Kinder getötet werden, zum Beispiel in Syrien, dass der Präsident tut, was Putin sagt, dass es weitere Kriege geben könnte, sie haben Angst, dass es auch in Österreich passieren könnte. 

Es macht mich betroffen, was sie wissen, was sie erzählen, was sie denken und fühlen. Kinder, die sich nicht mit solchen Themen beschäftigen sollten. KINDER! Sie sollten sorglos sein und spielen und lachen...

Es macht mich so traurig...

 

 

 

 

 

27.2.2013

 

Eines Tages schneite sie zur Tür herein. Sie war klein, rundlich, vermutlich um die 50 Jahre alt, vielleicht älter, vielleicht aber auch jünger. Manche dieser Frauen wirken älter als sie sind weil sie zu viel erlebt haben. Sie trug Kopftuch und einen bunten Rock. Eine auffällige Tätowierung auf der Stirn. Ein kleines blaugraues Kreuz. Sie ist Kurdin. Dort werden Rauten, Kreuze, Kreise und Striche am Hals, auf der Stirn und am Kinn getragen. Sie symbolisieren verschiedene Dinge die mit Leben, Gott, Gerechtigkeit, Liebe, usw… zu tun haben. Vor Allem heilige/ weise Frauen tragen diese Tätowierungen. Moslems sind gegen Tätowierungen, im Koran steht, sie würden das Werk Gottes (den Körper) verunstalten. Sie ist also keine Muslima.
Sie sah mich und ich sah sie. Nicht nur mit den Augen. Sie redete von Anfang an kurdisch mit mir und ich verstand sie. Ich sprach in meinem Dialekt mit ihr und sie verstand mich. Sie streichelte über meinen Rücken, sie bot mir an, für mich zu arbeiten, wenn ich Hilfe brauche. Sie kam immer wieder, lächelte mich an, nahm meine Hand. Wie eine Großmutter kam sie mir manchmal vor. Heute war sie wieder da. Bot mir wieder an, für mich zu arbeiten. Ich bedankte mich lächelnd, lehnte aber ab. Dann hatte ich die Idee, ihr etwas zu schenken. Ich lief also in meine Stube und suchte etwas. Ein kleines Medaillon aus Silber, in das man etwas rein geben konnte. Aber was? Ich dachte an ihre Tätowierung. Und an unsere Verbindung. Und dann fiel mein Blick auf eine Eichelhäher-Feder.
Ich musste schmunzeln, steckte die kleine blauschwarz gestreifte Feder in das Silbermedaillon und ging zu ihr hin.
Erstaunt schaute sie mich an, als ich ihre Hand nahm. Ich zeigte auf das Medaillon, das ebenfalls ein gleichschenkeliges Kreuz eingraviert hatte. Ich deutete auf ihre Stirn und sie begann zu strahlen, denn sie verstand sofort. Ich zeigte ihr, wie man das Medaillon aufmacht und sie sah die Eichelhäher-Feder. Sie sagte mit hoher Stimme „HA!“ und grinste von einem Ohr bis zum anderen. Ich drückte ihr das Medaillon in die Hand und verabschiedete mich bei ihr. Sie rief noch mehrmals „DANKE“ hinterher und dann war sie weg.
Es sind nur Momente.
Und trotz allem gehen sie tiefer als so manche langjährige Beziehung.

 

 

 

 

29.1.2013

 

Was dabei entstehen kann, wenn Flüchtlinge auf die Menschen treffen, die Warenspenden in den Schenkraum bringen, durfte ich heute hautnah miterleben. Ich hatte gerade Besuch von Frau Mariam aus Afghanistan. Sie ist mit ihren Kindern 2005 von dort nach Syrien geflüchtet. Sie hatte ein gutes Leben in Afghanistan, war gut situiert, hatte ein großes Haus, ihre Kinder besuchten gute Schulen, der Sohn war Ingenieur, die Tochter besuchte ein College. Nach der Flucht lebten sie in Syrien und begannen dort, sich ein neues Leben aufzubauen. Aber auch hier kam der Krieg und erneut musste Frau Mariam mit ihren Kindern flüchten. Nun leben sie hier in Opponitz in einem kleinen Zimmer und warten auf Abschiebung oder Bleiberecht. Die Decke fällt ihnen nach kurzer zeit schon auf den Kopf. Sie besitzen nichts mehr. Frau Mariam war heute bei mir und ich schenkte ihr gerade gespendete Teppiche, Kaffeehäferl und Kleidung, als es an der Tür läutete und Bea, eine Frau die Warenspenden für den Schenkraum brachte, zu uns stieß.
Bea ist Waidhofnerin und begann spontan ein Gespräch mit Mariam. Diese wollte erzählen, wie sie hierhergekommen ist, brach aber dabei in Tränen aus und erzählte, sie ginge Nachts alleine durchs Dorf spazieren, damit die Kinder sie nicht weinen sehen und sie würde zu Gott beten, dass er ihr helfen solle. Bea bot Mariam dann spontan an, sie nächste Woche auf einen Ausflug mit zu nehmen, damit Mariam mal aus ihrem Zimmer raus komme, die Kinder dürften natürlich mitkommen und sie würde alle auf einen Kaffee einladen.
Mariam freute sich riesig und Bea half ihr dann noch die geschenkten Sachen runter zu tragen und fuhr sie zurück in die Pension.
DAS ist Schenkraum, so wie ich mir das erträumt hatte. Ein Ort der Begegnung, wo sich Schenkende und Beschenkte treffen und zusammen etwas auf die Beine stellen.
DANKESCHÖN!

 

 

 

 

22. Dezember 2012

 

Heute hörte ich draussen vor dem Haus ein seltsames Geräusch. Und als ich aus dem Fenster blickte sah ich, dass jemand unsere Einfahrt freischaufelte. Staundend ging ich nach unten und rief: "Hallo?" da drehte sich der Mann um und ich sah, dass es Herr Farabi aus Afghanistan ist, der mit seiner Familie schon oft im Schenkraum zu Besuch war. Er grinste mich an und sagte: "This is for you, because you are a good woman!" *lach* Ich hab ihm dann schnell Tee gemacht und Kekse auf ein Teller gegeben und raus getragen und als er fertig war mit Schnee schaufeln rief ich ihn nochmal und sagte ihm, er solle rauf kommen, ich hätte Tee für ihn, aber er stellte die Schaufel hin und sagte: "No, this is for you!" und ging einfach. :-D

 

 

 

 

LEBENSGESCHICHTEN:

 

Sherkan ist mit 15 Jahren aus Afghanistan geflohen. Wo seine Mutter und seine Geschwister heute leben weiß er nicht.
Seper sagt, wenn sein Vater seine Mutter findet, wird er sie töten, denn sie hat zu viel Haar gezeigt, ihr Kopftuch ist ver
rutscht.

Arlinda und ihre Familie wurden aus ihrem Dorf im Kosovo vertrieben, ihr Haus wurde angezündet, Arlindas kleiner Bruder getötet.
Ryhana ist mit ihrer vierjährigen Tochter aus Afghanistan geflüchtet, zwei weitere Kinder und ihr Mann verstecken sich vor den Taliban. Ryhana war Lehrerin für Persisch und Mathematik.
Frau Balinder ist hochschwanger, sie kommt aus Afghanistan und trägt Schuhe die aus einem Holzbrett und zwei Leder-Riemen bestehen, die mit Nägeln befestigt sind. Die Nägel tun ihr weh, sie braucht neue Schuhe.
Nuri ist 14 und mit ihrer geistig und körperlich behinderten Mama aus Afghanistan geflüchtet. Sie hat auf der Flucht ihren 13-Jährigen Bruder verloren. Ihre Mutter ist geistig behindert weil sie von ihrem Mann so sehr geschlagen wurde. Nuri kümmert sich um sie.
Togooch hat sich neben ihren Kindern ein Messer in den Bauch gerammt. Sie wird in die Nervenheilanstalt eingeliefert, einen Tag später ist sie mit einem verband wieder da. Eine Sozialarbeiterin rät mir, mich um sie zu kümmern. Togooch spricht nur mongolisch.
Frauen aus dem Iran fragen mich, ob sie zu einem männlichen Arzt gehen dürfen in Österreich. Was für uns lächerlich klingt wird in ihrem Land mit Folter und Gefängnis bestraft.
Die männlichen Asylwerber fragen mich nach Arbeit. Ich erkläre ihnen, dass sie nicht arbeiten dürfen. Es ist verboten. Sie warten bis zu sieben Jahre lang mit ihren Familien in einem Hotelzimmer auf ihr Bleiberecht oder die Abschiebung und dürfen nichts tun.
Nuri hat das Bleiberecht bekommen. Sie besitzt nichts. Nun soll sie sich eine Wohnung suchen und einrichten mit ihrer geistig behinderten Mutter. Nuri hat Angst.
Frau Nawara und ihre Familie aus Palästina haben Glück. Nach sieben Jahren in ihrem Hotelzimmer dürfen sie nun endlich bleiben. Sie brauchen jetzt eine eigene Waschmaschine.
Ich sammle für diese Menschen gebrauchte Schuhe, gebrauchte Kleidung, alte Teller und Gläser, angebrochene Shampoos und Duschgels, alte Schminksachen, gebrauchtes Spielzeug, Sachen, die wir oft im Keller rumliegen haben oder weg schmeißen. Ich verlange nichts Neues und auch sie selbst verlangen nichts Neues.

Hier die Antworten einiger Österreicher, wenn ich um diese Dinge frage:
Bevor i denen wos gib, hau i`s liaba daune.
De soin se zruck schleichn, wo`s herkema san.
Des is a orweitsscheichs Gsindl.
De ziagn uns nur`s Göd aus da Toschn und kriagn mehr wie jeder Österreicher!
Kaff eahna a Rückflug-Ticket, des kummt billiger.
Denen gherat a Bombn einegschmissn.
Denen brauch i nix spendn, de kriagn eh gnua.
Irgendwaunn hammas dann in da Regierung sitzn.