Krieg im Fernseher

 

Da sitzt man vor dem Fernseher im heimischen Wohnzimmer, isst ein paar Pistazien und schaut sich den Film „Die letzten Männer von Aleppo“ vom syrischen Regisseur Firas Fayyad (Koregie: Steen Johannessen) an. Der Film wurde am Sundance Film Festival in Amerika mit dem Preis für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet. Im Vorspann wird vor schlimmen Bildern gewarnt. Ich will ihn trotzdem sehen. Ich war schon immer eine, die hinschauen muss. Gezeigt werden Männer, die sich „Weißhelme“ nennen. Wo eine Bombe fällt, fahren sie hin und retten Menschen oder bergen Leichen, je nachdem. Der Film zeigt, wie blutige Kinder aus Bergen von Schutt gezogen werden, wie Leichenteile in Säcke gestopft, Menschen begraben werden. Einschläge, Flieger, Hubschrauber und dazwischen Kinder und Mütter, Väter und Alte. Leben im Krieg. Dort findet man einen Fuß, zur selben Zeit wird wo anders geheiratet. Und die jungen Männer sind immer mittendrin. Väter, die mit ihren Kindern telefonieren, chatten, lachen und gleichzeitig wissen, dass die nächste Sekunde ihr Tod sein kann. Und trotzdem sind sie dort und helfen. Retten Leben. Trösten Menschen. Streicheln Kinder. Rasen zu zerstörten Häusern um aus dem Schutt zu ziehen, was noch da ist. Ich bemerkte, dass ich mir die Hände vor den Mund halte, dass mir Tränen die Wangen runter laufen, ich habe keine Lust mehr auf Pistazien und mein Mann fragt mich, wieso ich mir das antue. Und in dem Moment denke ich nur: Wer fragt diese Kinder dort? Die Väter? Die Mütter? Niemand fragt sie, warum sie das erleben müssen. Es ist ihre Realität. Ihr Alltag. Kleine Kinder müssen diesen Wahnsinn aushalten. Und ich soll abschalten? Niemand kann es ertragen. Ich soll in meiner Komfortzone bleiben? Wie leicht wir es doch haben. Einfach Fernseher ausschalten und der Krieg ist weit weg. Aber diese Kinder sind mitten drin und können nichts dafür. Sie wissen nicht, warum das passiert.

Ich will mit diesen Kindern weinen. Mit den Vätern und Müttern. Mit den Großeltern. Mit all den Menschen die dort leben und es aushalten müssen. Ich will hinschauen. Nicht wegschauen. Nicht ausschalten. Hinschauen und mit ihnen weinen. Ihnen einen Teil dieser Last abnehmen. Auch wenn es nur aus der Ferne und geistig ist. Ich finde es unfair, wenn man aus Feigheit wegschaut. Jeder sollte hinschauen. Jeder sollte mit diesen Menschen weinen. Was sind schon ein paar Tränen, was sind schon ein paar schlechte Träume oder schlechte Minuten. In unserer Welt, in der wir alles haben. Vor Allem Frieden, einen vollen Kühlschrank, Familie und ein zu Hause. Da ist es doch nicht schwer, ein bisschen mit ihnen zu fühlen.

Was mich an der Doku am meisten beeindruckt hat: Die Männer haben jeden Tag Menschen sterben sehen. Sie schauen in Abgründe, tagtäglich. Und sie gehen dann nach Hause und pflanzen Bäume. Oder gehen zur Hochzeit eines Freundes. Oder kaufen Fische um später die gezüchteten Fische am Markt verkaufen zu können. Und das alles mitten drinnen, zwischen Bomben und zerstörten Häusern. Sogar in all dieser Zerstörung tut der Mensch was er tun muss: Leben, an die Zukunft denken, erhalten, dem Licht entgegenstreben. Das ist es, was mich schwer beeindruckt. So wie Blumen ihren Kopf zur Sonne drehen, so tut das auch der Mensch in Krisensituationen.

 

SCHAUEN SIE HIN!

DOKU JAMES NACHTWAY

 

DOKU- Die letzten Männer von Aleppo